Unter allen Facetten männlicher Sexualität – Erregung, Liebesspiel, Orgasmus, Ejakulation und Fruchtbarkeit – sei die Erektionsstörung nicht nur die häufigste, sondern auch die bedrückendste und bedrohlichste Form des Versagens, kommentierte der Urologe Robert Utiger in der amerikanischen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine eine der ersten Studien, in denen die potenzfördernde Wirkung von Viagra dem breiten Fachpublikum vorgestellt wurde. Sie kann das Ego eines Mannes zerstören und glückliche Beziehungen gefährden.
Potenz gilt als Essenz der Männlichkeit, faßt der Münchner Psychiater und Sexualmediziner Götz Kockott das noch immer vorherrschende Selbstverständnis des starken Geschlechts zusammen. Für viele Männer ist Sexualität gleichbedeutend mit Geschlechtsverkehr. Zärtlichkeiten oder Petting gelten allenfalls als Ersatzhandlungen.
Anatomisch betrachtet besteht der Kern männlicher Sexualität aus zwei parallelen Strukturen von schwammiger KonsiStenz, den Schwellkörpern oder Corpora cavernosa, die den Penis der Länge nach durchziehen. Sie verschaffen dem im Normalfall schlaffen Glied im Zuge einer Erektion die ausreichende Standfestigkeit, um in die Vagina der Partnerin eindringen zu können. Die Schwellkörper enthalten neben Nervenfasern und Blutgefäßen ein verzweigtes Netz von Hohlräumen, die mit «glatten» Muskelzellen ausgekleidet sind. Eine natürliche Erektion beruht im wesentlichen auf drei Vorgängen:
Die Arterien, die Blut aus dem Körper in den Penis leiten, weiten sich bis zum Vierfachen ihres ursprünglichen Durchmessers. Nach dem Öffnen dieser Schleusen strömt, bis zur fünfzigfachen Menge, Blut in den Schwellkörper ein. Dabei strecken sich die engen, schraubenzieherartig miteinander verwundenen Gefäße in die Länge und verhelfen dem Glied zu einer recht stattlichen Statur.
Zugleich erschlaffen die Muskelzellen, die das Innere des Schwellkörpers durchziehen. Sie waren im Ruhezustand pausenlos angespannt und haben den Einstrom von Blut gedrosselt, indem sie die Hohlräume verengten und versteiften. Jetzt, im Verlauf der sich aufbauenden Erektion, setzen die Muskelzellen dem Blut keinen Widerstand mehr entgegen, das nun mit hohem Druck einschießen kann. Der Penis richtet sich weiter auf und wird größer.
Auch die Venen, die als eine Art Drainagenetz das Blut wieder aus dem Schwellkörper leiten, übernehmen eine wichtige Rolle. Der sich füllende Schwellkörper preßt die Gefäße gegen die Bindegewebshülle, die die Schwellkörper umgibt, und verhindert dadurch, daß das Blut gleich wieder abfließt.
Die koordinierte Aktion von Arterien, glatter Muskulatur und Venengeflecht des Penis führt dazu, daß der Druck im Innern der Schwellkörper während der Erektion auf den Wert des systolischen («oberen») Blutdrucks ansteigt.
Ein Reflex verstärkt diesen Vorgang zusätzlich: Das rhythmische Reiben der empfindlichen Penishaut in der Vagina löst eine Reaktion aus, die unter anderem dazu führt, daß sich weitere Muskeln zusammenziehen und die Schwellkörper samt Gefäßen zusätzlich komprimieren. Der Druck im Innern kann schließlich Spitzenwerte von mehr als 400 mm Hg erreichen – rund das Dreifache des normalen Blutdrucks. Auch mit Hilfe von einem Potenzmittel wie zum Beispiel Cialis Tadalafil steht der kleine Freund stramm.
Sex beginnt im Kopf. Ohne einen kräftigen Schuß Lust (Sexualforscher sprechen von Appetenz) und ausreichend starke erotische Reize kommt der Penis nicht in Stellung. Wie bereits angedeutet, spielen daneben auch Reflexe eine Rolle, die unabhängig vom Einfluß des Gehirns eine einmal in Gang gesetzte Erektion beim Finale weiter verstärken.
Wie die Nahrungsaufnahme oder die Verdauung stehen auch die für das Sexualleben wichtigen Körperfunktionen unter der Kontrolle eines stammesgeschichtlich alten Gehirnteils, des limbischen Systems. Dieses emotionale Gehirn, dessen weit über das Denkorgan verstreute Teile die elementaren Lebensvorgänge wie Hunger, Durst oder aggressives Verhalten regulieren, hat auch die Oberhoheit über die wohl angenehmste Seite der menschlichen Fortpflanzung: den Sex.
Ein von Wissenschaftlern im Temporallappen des Großhirns vermutetes Sexualzentrum schmiedet die aus anderen Schaltstellen des Gehirns ankommenden Signale zu einer neuen Erregung. Träume und Phantasien können die aufwallende Lust ebenso anfeuern wie die Erinnerung an ein aufregendes Sexabenteuer. Beim Sammeln erotischer Reize sind alle Sinne höchst sensibel: Ein Augenzwinkern, der laszive Tonfall einer Stimme, eine scheinbar zufällige Berührung -über jede als erotisch erkannte Wahrnehmung wird auch das Sexualzentrum informiert.
Von hier aus wird der Körper auf den sich anbahnenden Geschlechtsakt eingestimmt – unter anderem durch eine Erektion. Die Botschaft, den Penis jetzt in Stellung zu bringen, läuft vom Gehirn über Nervenbahnen zu zwei Erektionszentren im Rückenmark: das etwa in Brusthöhe gelegene psychogene Zentrum und das reflektogene Zentrum im Bereich des Kreuzbeins. Beide Erektionszentren gehören zwei verschiedenen Teilen des vegetativen Nervensystems an, die sich in ihrer Wirkung im großen und ganzen gegensätzlich verhalten: der Sympathikus und der Parasympathikus.
Baumelt der Penis schlaff zwischen den Oberschenkeln, dann hat das psychogene Zentrum die Oberhand, das zum Einflußbereich des Sympathikus zählt. Botenstoffe, die aus den Nervenendigungen im Schwellkörper freigesetzt werden, halten die glatten Muskelzellen in dauernder Anspannung. Sobald das Gehirn eindeutige Hinweise auf ein nahendes Schäferstündchen hat, schaltet es das reflektogene Erektionszentrum ein, dessen Nervenfasern zum Parasympathikus gehören und ebenfalls mit dem Penisinneren verbunden sind. Dort unterbrechen sie unter anderem die Herrschaft des Sympathikus über die glatten Muskelfasern. Diese entspannen sich, und der Weg wird frei für das einströmende Blut. Der Mann verspürt ein erstes Spannen im Schritt.
In voller Aktion schließlich entzieht sich das Geschehen weitgehend der Kontrolle durch das Gehirn. Je schneller und stärker der Penis an der Vagina reibt, desto heftiger feuern Sinneszellen in seiner Haut ihre Salven an das reflektogene Erektionszentrum im Rückenmark. Von dort wird die Meldung unverzüglich an den Parasympathikus weitergegeben, und der letzte Widerstand gegen das hereindrängende Blut bricht zusammen. Kurz vor dem Höhepunkt werden von hier aus weitere Gehilfen hinzugezogen: Muskeln an der Basis des Glieds und im Beckenboden ziehen sich zusammen, bis kein Blut mehr abfließen kann und der Penis so stark komprimiert ist, daß er seine phallische Größe und Härte erreicht. In diesem Zustand kommt es zum Samenerguß.
Nach dem Orgasmus gewinnen das psychogene Erektionszentrum und dessen sympathische Botschafter die Oberhand zurück. Auf deren Anweisung beginnen sich die glatten Muskelzellen im Schwellkörper und in den Gefäßwänden der Arterien wieder zusammenzuziehen. Der erigierte Penis erschlafft und schrumpft.
Die komplizierte Natur der Erektion ist möglicherweise ein Grund dafür, daß ein Mann morgens mit einem Ständer aufwachen kann, aber beim Liebesspiel mit seiner Partnerin regelmäßig versagt. Spontane Erektionen, die vor allem während der Traumphase (im sogenannten REM-Schlaf) durchschnittlich drei- bis sechsmal in einer Nacht auftreten, werden über das psychogene Erektionszentrum gesteuert und bedürfen keiner weiteren erotischen Reize. Beim Koitus mischt dagegen das gesamte Kontrollsystem mit-er ist damit auch anfälliger für psychische Störungen.